VIELVERSPRECHENDE PILOTSTUDIE: CHARITÉ UNTERSUCHT MEDIZINISCHES CANNABIS BEI ENDOMETRIOSE

INTERVIEW MIT ALLGEMEINMEDIZINER UND FORSCHER JANOSCH KRATZ ÜBER SEINE BEOBACHTUNGEN


Endometriose ist eine der häufigsten chronischen Erkrankungen bei Frauen. Sie entsteht durch das Wachstum gebärmutterähnlichen Gewebes außerhalb der Gebärmutter und geht häufig mit starken Schmerzen einher. Trotz ihrer Verbreitung ist die Erkrankung bis heute schwer zu behandeln. Viele Betroffene leiden über Jahre unter starken Schmerzen, obwohl sie bereits unterschiedliche Therapien erhalten haben.
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  • KURZVORSTELLUNG JANOSCH KRATZ

  • Janosch Kratz ist Arzt und Allgemeinmediziner (AiW). Seit 2016 spezialisiert er sich auf die Anwendungsmöglichkeiten von Cannabinoiden in der Medizin. Seit 2022 widmet er sich am Endometriosezentrum der Charité Berlin der Erforschung des Endocannabinoidsystems zur Behandlung von gynäkologisch bedingten Schmerzen.
Eine Beobachtungsstudie aus der Berliner Charité hat nun untersucht, wie sich Medizinalcannabis bei Patientinnen mit chronischen, therapieresistenten Endometriose-Schmerzen auswirkt. Die Ergebnisse geben erstmals systematisch Einblick in einen Behandlungsansatz, der bislang nur unzureichend erforscht ist.
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  • Die hier vorgestellten Ergebnisse basieren auf der Pilotstudie „Evaluating the impact of oral cannabinoid extracts on chronic pain and quality of life in endometriosis patients“, die am Endometriose-Forschungszentrum der Charité – Universitätsmedizin Berlin durchgeführt wurde. Die Studie wurde als Beobachtungsstudie konzipiert und zur wissenschaftlichen Veröffentlichung eingereicht.
KHIRON:
Endometriose wird oft erst spät diagnostiziert und führt zu jahrelangen Schmerzen. Was erleben Betroffene aus deiner Sicht am häufigsten im Alltag?

Janosch Kratz:
„Häufig beginnen die Beschwerden mit zyklisch auftretenden Schmerzen, die im Verlauf sowohl an Intensität als auch an Häufigkeit zunehmen. Anfangs treten sie nur während der Menstruation auf, später immer öfter, bis sie schließlich auch unabhängig vom Zyklus bestehen können. Viele Patientinnen, die wir im Endometriosezentrum der Charité sehen, haben dann bereits stark chronifizierte Schmerzen. Typisch sind Schmerzen und Krämpfe im Unterbauch, oft kombiniert mit Beschwerden beim Wasserlassen, beim Stuhlgang oder beim Sex. Ein großes Problem ist außerdem, dass viele Frauen schwer einschätzen können, was noch normaler Regelschmerz ist und was nicht. Lange wurde das Thema Menstruation und die damit einhergehenden Schmerzen tabuisiert, darüber wurde kaum gesprochen.

Ich erinnere mich an eine Patientin, die sich das Schienbein gebrochen hatte. In der Nachsorge sagte sie: „So schlimm war das gar nicht. Wenn ich meine Tage habe, sind die Schmerzen meistens schlimmer.“ Erst dadurch kamen wir ins Gespräch und am Ende konnte bei der Patientin eine Endometriose diagnostiziert werden.“
KHIRON:
Warum ist die Schmerztherapie bei Endometriose so herausfordernd – und weshalb schauen viele Patientinnen inzwischen auf Cannabis als mögliche Option?

Janosch Kratz:
„Endometriose ist ein sogenanntes Mixed-Pain-Syndrom. Es gibt Entzündungsschmerzen, Nervenschmerzen und spastische Schmerzen durch die Verkrampfung der Beckenboden- und Unterbauchmuskulatur. Diese unterschiedlichen Schmerzformen lassen sich nicht mit einem einzigen Ansatz behandeln.

Hinzu kommt, dass die Schmerzforschung bei Frauen lange hinterhergehinkt ist. Viele Studien wurden an Männern durchgeführt, hormonelle Einflüsse wurden kaum beachtet. Gleichzeitig sind die Patientinnen oft jung und benötigen Therapien, die über viele Jahre funktionieren.

NSAR (= Nicht-steroidale Antirheumatika) wie Ibuprofen belasten auf Dauer Magen, Niere und Herz. Opiate sind wegen der Toleranzbildung und der hohen Suchtgefahr für eine langfristige Behandlung nicht geeignet. Zusätzlich sind Schmerztherapie und Gynäkologie in der Praxis oft nicht gut miteinander vernetzt.“
KHIRON:
Du hast eine Beobachtungsstudie zu Cannabisextrakten bei Endometriose-Schmerzen durchgeführt. Was war deine Motivation dahinter?

Janosch Kratz:
„Ich beschäftige mich seit Jahren mit dem Endocannabinoid-System und habe in der Praxis gesehen, dass sich Menstruationsbeschwerden unter Cannabinoiden deutlich bessern können, auch bei Endometriose. Gleichzeitig gibt es in diesem Bereich extrem wenige Studien.

Über den Kontakt zum Endometriosezentrum der Charité habe ich einen Studienvorschlag eingebracht, auch im Rahmen meiner Promotion. Das war damals mit viel Überzeugungsarbeit verbunden, weil Cannabinoide noch als Betäubungsmittel galten und viele Vorurteile bestanden.“
KHIRON:
Kannst du kurz erklären, wie die Studie aufgebaut war und wer daran teilgenommen hat?

Janosch Kratz:
„Es handelt sich um eine dreimonatige prospektive Beobachtungsstudie mit 30 Teilnehmerinnen, von denen 27 die Studie vollständig beendet haben. Es wurde untersucht, wie sich Schmerzen sowie Begleitsymptome wie Schlaf, Stress und weitere Parameter unter der Einnahme von Cannabisextrakten verändern.

Eingeschlossen wurden ausschließlich Patientinnen mit sehr starken, dauerhaft bestehenden Schmerzen, die trotz leitliniengerechter Therapie weiterbestanden. Die Erhebung erfolgte über Online-Fragebögen zu Studienbeginn sowie nach ein, zwei und drei Monaten.“
KHIRON:
Welche Ergebnisse haben sich ableiten lassen und was hat dich persönlich am meisten beeindruckt?

Janosch Kratz:
„Es handelt sich nicht um eine randomisierte, doppelblinde Studie. Die Evidenzstufe ist entsprechend begrenzt. Trotzdem haben sich fast alle untersuchten Parameter verbessert. Besonders beeindruckt haben mich die Rückmeldungen der Patientinnen. In ihren Texten wurde deutlich, dass sich nicht nur der Schmerz verändert hat, sondern auch der Umgang damit und der Alltag insgesamt.“

„Ich hätte nicht erwartet, dass sich so viele verschiedene Parameter gleichzeitig verbessern.“

-Janosch Kratz-
KHIRON:
Die Studiendaten zeigen auch eine deutliche Reduktion von Schmerzmitteln. Wie ordnest du diesen Effekt ein?

Janosch Kratz:
„Ein Teil der Patientinnen war bereits mit Opiaten behandelt worden, einige sogar mit Methadon, und das in sehr jungen Jahren. Auch der langfristige Gebrauch von NSAR ist problematisch. Cannabinoide wirken nicht nur auf die Schmerzintensität, sondern auch auf andere Faktoren wie Schlaf, Anspannung und Stimmung. Dadurch kann sich der Bedarf an anderen Schmerzmitteln reduzieren.“

„Wenn man dadurch andere Schmerzmittel deutlich reduzieren kann, ist das ein klarer gesundheitlicher Gewinn.“

-Janosch Kratz-
KHIRON:
Was könnte erklären, dass sich neben den Schmerzen auch andere Beschwerden verändert haben?

Janosch Kratz:
„Zur Endometriose ist insgesamt noch wenig erforscht, und das gilt auch für das Endocannabinoid-System. Es gibt Hinweise auf erhöhte entzündliche Botenstoffe und eine gesteigerte Schmerzempfindlichkeit bei Endometriosepatientinnen. Gleichzeitig scheint der Körper als Antwort darauf vermehrt eigene Endocannabinoide auszuschütten.“

„Der Körper schüttet selbst Endocannabinoide aus, um gegen die Schmerzen anzukämpfen.“

-Janosch Kratz-
Janosch Kratz:
„Wenn wir Cannabinoide von außen zuführen, greifen wir in ein System ein, das im Körper bereits vorhanden ist und an vielen Prozessen beteiligt ist, etwa dem Schlaf-Wach-Zyklus, der Muskelentspannung, der Schmerzwahrnehmung und -verarbeitung, sowie Entzündungsreaktionen und der Stressverarbeitung.“
KHIRON:
In deiner Studie zeigte sich auch eine Veränderung im emotionalen Bereich und bei Sexualität. Wie erklärst du dir das?

Janosch Kratz:
„Wenn Körper und Geist dauerhaft unter Stress stehen, bleibt wenig Raum für Sexualität. Wenn sich Angst, Unruhe und Anspannung lösen, kann sich das verändern. Gleichzeitig spielen körperliche Faktoren eine Rolle. Viele Patientinnen haben starke Beckenbodenverspannungen, die Schmerzen beim Geschlechtsverkehr verursachen. THC wirkt muskelentspannend. Wenn sich diese Verspannungen reduzieren, kann das auch die Beschwerden beim Sex lindern.“
KHIRON:
Wie bewertest du die Sicherheit und Verträglichkeit von Cannabinoiden bei längerer Anwendung?

Janosch Kratz:
„Wenn man sich die verfügbare Datenlage anschaut, zeigen Cannabinoide ein sehr gutes Sicherheitsprofil, insbesondere im Vergleich zu anderen Schmerzmitteln wie Opioiden. Häufige Nebenwirkungen sind Schwindel, Müdigkeit, trockener Mund oder rote Augen. Vorsicht ist geboten bei Schwangerschaft, schweren Herzerkrankungen und bei psychiatrischen Vorerkrankungen. Cannabinoide können, wie alle Medikamente, auch zu Wechselwirkungen führen. Aus diesem Grund sollte ihre Einnahme immer mit allen behandelnden Ärzten besprochen werden.“

„Wenn man sich die verfügbare Datenlage anschaut, zeigen Cannabinoide ein sehr gutes Sicherheitsprofil.“

-Janosch Kratz-
KHIRON:
Warum ist die Versorgung trotz dieser Potenziale noch zurückhaltend und wie schätzt du die politische Lage ein?

Janosch Kratz:
„Ein großes Problem ist, dass es keine Zulassungsstudien für Cannabinoide bei Endometriose gibt. Wir bewegen uns hier im No-Label-Bereich. Die Verantwortung liegt am Ende beim Arzt. Leider wird im Bereich Cannabinoide insgesamt viel zu wenig geforscht. Auch wenn die Gesetzeslage formal vereinfacht wurde, bleibt das Regressrisiko weiter bestehen. Krankenkassen können selbst Jahre später die Therapiekosten von den verordnenden Ärzten zurückfordern. Das führt dazu, dass viele Ärztinnen und Ärzte sehr zurückhaltend sind.

Positiv ist, dass Cannabinoide inzwischen in den neuen Endometriose-Leitlinien aufgeführt sind, allerdings erst nach Versagen der Erstlinientherapie.“
KHIRON:
Wie realistisch ist es, dass Cannabinoide bei Endometriose langfristig regulär von der GKV erstattet werden?

Janosch Kratz:
„Wenn sich die Studienlage verbessert, sehe ich keinen Grund, warum die Krankenkassen Medizinalcannabis nicht erstatten sollten. Auch deshalb planen wir aktuell eine Follow-up-Studie mit angepassten Kriterien. Wir haben aus der ersten Studie gelernt und möchten weitere Erkenntnisse sammeln.“

„Wenn sich die Studienlage verbessert, sehe ich keinen Grund, warum die Krankenkassen Medizinalcannabis nicht erstatten sollten.“

-Janosch Kratz-
KHIRON:
Welche realistischen Erwartungen sollten Patientinnen an eine Cannabistherapie haben?

Janosch Kratz:
„Cannabinoide sind kein Wundermittel. Die Schmerzen verschwinden nicht vollständig, aber der Umgang damit kann sich verändern. Die Therapie muss langsam eindosiert werden.“

„Die Wirkung kommt nicht sofort, sondern schleicht sich über Wochen ein.“

-Janosch Kratz-
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  • Für Allgemeinmediziner und Forscher Janosch Kratz steht fest, dass die Beobachtungen aus der Studie mehr sind als Einzelfälle. Die Rückmeldungen der Patientinnen und die Vielzahl verbesserter Parameter zeigen aus seiner Sicht ein klares Potenzial. Auch wenn noch weitere Studien nötig sind, sieht er in Cannabinoiden ein wichtiges zusätzliches Werkzeug, um Endometriose-Patientinnen besser begleiten zu können.
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